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Das Leben


Es war eine Winternacht, eine dieser Nächte in denen alles möglich scheint. Aus dem Radio drang leise ein Lied von Sinatra, der Wind hatte sich gelegt und der Regen hörte auf. Langsam drang der Mond durch die Wolkendecke und begann die Straßen in sein schummriges Licht zu hüllen. Der junge Mann legte das Buch, was ihn zu langweilen begann, aus den Händen, schaute zum Fenster, lächelte leicht, verweilte kurz und schaute dann wieder betrübt auf den Tisch. Eine Liebesgeschichte, dachte er, wohl kaum das richtige in dieser Situation. Er seufzte schwer und griff zu einer Schachtel Zigaretten, zündete eine an und lehnte sich im Sessel zurück. Betrunken hatte er sich, versucht seinen Schmerz zu betäuben. Doch musste auch er lernen, das Probleme sehr gute Schwimmer sind. Wieder seufzte er. Der Alkohol hatte seinen Körper schnell verlassen, vielleicht zu schnell. Vielleicht aber gerade schnell genug. Es war das erste mal in seinem Leben das er so etwas tat, es brachte ihm nichts, was in der Zukunft wohl seine Rettung sein wird. Wir alle werden verlassen, dachte er bei sich, so etwas geschieht Tag täglich. Wir stumpfen irgendwann ab, spüren den Schmerz immer weniger. Eine einsame Träne rollte aus seinen Kristallaugen über seine Wange hinab bis zu seinem Kinn und tropfte auf sein T-Shirt. Sein Blick wanderte langsam zum Telefon, es klingelte nicht. Es wird nie klingeln und wenn doch, wird es mich auch nicht erlösen. Er seufzte noch einmal schwer und nahm einen tiefen Atemzug Gift in sich auf. Rauchen tötet, dachte er, trotzdem komme ich nicht davon los, so viele sterbende habe ich schon gesehen, im Fernsehen, im Krankenhaus. Er lächelte leicht und nahm noch einen Zug. Wieder wanderte sein Blick durch den Raum, er stoppte und ruhte auf einer Schachtel voller Schlaftabletten. Was ein Thor bin ich, es nur in Betracht zu ziehen... nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Er ergriff die Schachtel, öffnete sie, nahm die Tabletten heraus und legte sie wieder vor sich auf den Tisch. Er knackte jede Tablette einzeln aus der Verpackung und bei jeder Tablette die auf dem Glastisch landete schloß er kurz die Augen. Als er alle gelöst hatte ergriff er sie mit einer Hand und lies sie alle in sein Glas voller Wasser fallen. Minutenlang saß er da, betrachtete die Tabletten, wie sie sich im Wasser auflösten. Dann ergriff er das Glas. Prost, dachte er knapp. Er setzte es an seine Lippen, die leicht lächelten, schloß die Augen und warf es dann mit all seiner Kraft gegen die Wand. Er seufzte. “So schnell bekommst du mich nicht klein, Welt.” Murmelte er leise als er sich im Sessel wieder zurück lehnte. Er strich mit seiner Rechten über die Lehne, ergriff ein langes Haar, führte es vor seine Augen und seufzte erneut schwer.

Das Leben ist ein Spiel, dachte er, und in einem Spiel muß man verlieren können. Oder zumindest aussetzen, ja, zumindest aussetzen. Die Zukunft kann niemand sehen, man kann sie vermuten, versuchen sie zu beeinflussen, aber sehen, nein, sehen kann man sie nicht. Hoffnung.

Er drückte die schon lange abgebrannte Zigarette aus, griff erneut zur Schachtel und zündete eine neue an. Manchmal, dachte er weiter, da bekommt man etwas von dem man denkt man hätte es nicht verdient und schneller als man es fassen kann, ist es schon wieder verflogen. Liebe ist ein Vogel, dachte er lächelnd, sie will und sie muß fliegen. Seine Augen wurden feucht, schnell wischte er die Andeutungen von Tränen davon, wie so oft schon. Er wusste das er es noch oft tun wird, in den kommenden Tagen. Aber das ist ein Teil des Lebens, dachte er, denn das Leben gibt und nimmt und gibt... Er seufte so schwer wie noch nie. Langsam spürte er wie er die Kontrolle verlor, seine heiß geliebte Selbstkontrolle. Jetzt rannen ihm die Tränen wie endlose, salzige, Flüsse aus den Augen.
Alles ist flüchtig, dachte er, nur kurze Augenblicke, aber so ist das Leben nun einmal, eine Kette von flüchtigen Augenblicken. Im einen Moment ist man glücklich und im nächsten Moment wird einem das Glück wieder genommen, man fällt tief in ein schwarzes Loch, man denkt man findet nicht mehr heraus, bis einem wieder Glück gegeben wird. Aber wenn man das ultimative Glück bereits hatte, will man dann noch etwas anderes? Er atmete tief ein und drückte die Zigarette, von der er nur den Zug des Entzündens in sich aufgenommen hatte, aus. Nur um sich wieder eine neue Zigarette zu nehmen. Er drehte die brennende Zigarette zwischen seinen Fingern. Hatte er mit dem Feuer gespielt? Hatte er sich verbrannt? Aber eines wusste er, irgendwie war sie es Wert gewesen.

Er hasste sich nicht, diesen Punkt seines Lebens hatte er überschritten. Das dunkle Geschöpf welches ihn dazu trieb sich zu schaden, seine Adern zu öffnen, das eigene Blut am Arm hinab laufen zu lassen. Dieses Wesen, war tot. Und er wusste, es würde nie wieder kommen. Ein leichtes Lächeln huschte über seine Lippen und er versuchte es einige Sekunden zu bewahren, doch es wollte ihm nicht gelingen. Es könnte alles so leicht sein, dachte er weiter, alles so leicht. Doch das Leben macht es uns nicht leicht, es ist eine Herausforderung. Das Leben ist alles, dachte er, ich habe mich noch nie an ein Leben danach geklammert, welches ungewiss in der Dunkelheit des Nichts auf mich warten könnte. Alles geschieht jetzt.
Die direkte Imagination des Seins, all meine Taten, all mein Handeln, haben Einfluss auf das Hier und Jetzt und auch auf das Morgen. Und all das Handeln anderer hat Einfluss auf mein Hier und Jetzt und auch auf mein Morgen.

Der junge Mann schmunzelte leicht, nahm noch einen Atemzug Gift, drückte die Zigarette aus, griff wieder zu einer neuen, und entzündete sie.

Es tut weh, es tut so unglaublich weh, dachte er, mehr weh als alles andere bis jetzt. Aber der Schmerz zeigt mir auch das ich nicht verbittert bin, nicht verloren. Noch? Er seufzte wieder. Ein wenig machte er sich Vorwürfe, er hatte vielleicht zu viele Gefühle in zu kurzer Zeit in sie investiert. Doch sie war es Wert, das wusste er. Schnell wischte er sich die Tränen aus den Augen und von den Wangen, er weinte wie ein Kind. Langsam ergriff er nun die Wasserflasche, öffnete sie und nahm einen tiefen Schluck. Aber ich liebe sie doch, dachte er seufzend während er die Flasche wieder auf den Tisch stellte. Ich liebe sie... Wieder weinte er. Noch während die Tränen seine Wangen hinab liefen trat er zum Fenster, öffnete es, und sah hinaus in die Welt. Er sah nicht die Bäume, die Sträucher oder die Dächer der Häuser, er sah nur das Leben welches sich unter der gerade aufgehenden Sonne enthüllte. Er sammelte die Luft in seinen Lungen, spürte wie sie sich ausbreitete, und mit aller Kraft die er noch hatte, mit all seinem Schmerz, brüllte er dem Leben und der Welt entgegen: “Ich hasse dich!” Er zog sein letztes Wort so lang wie die Luft in seinen Lungen es zu ließ, ihm wurde schwindelig. Mit letzter Kraft krallte er sich an den Rahmen des Fensters. “Aber ich liebe sie. Und ich liebe auch dich, denn ohne dich, würde ich nicht lieben.” Er lächelte, dann fiel er. Das letzte was er an diesem Morgen spürte, war der harte Boden...



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